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Die Eröffnung der Heiligen Messe

Wir feiern heute ein Fest!


Von Christian Kindel

Liebe Christen,
in der aktuellen Kirchenzeitung lesen wir auf S.6 unter der Überschrift:
„Ist der Gottesdienst ein Fest?
Die Liturgie ist Quelle und Höhepunkt des gesamten christlichen Lebens, sagt das Zweite Vatikanische Konzil. Viele Christen erleben das anders. Nicht selten ist die Quelle vertrocknet und der sonntägliche Höhepunkt eine müde Pflichtveranstaltung. Viele haben einen spirituellen Zugang zur Liturgie verloren.“
So besorgt äußert sich die Kirchenzeitung.
Was ist eigentlich Liturgie? Eine kurze Definition lautet:
„Liturgie ist das Fest der Kirche: es ist die heilige Feier, das festliche Spiel freier Menschen vor ihrem Gott. In der Liturgie teilt und interpretiert eine Versammlung von Menschen feiernd ihr Leben und ihren Glauben.“ (KLJB, Handbuch Liturgie S.13)
Um gemeinsam über die Liturgie nachzudenken und dafür Themen zu finden, hatten wir am 19./20. Januar 2008 in allen hl.Messen einen Fragebogen verteilt, der von den meisten ausgefüllt wurde. Die Auswertung wurde am 10. Februar 2008 auf der Pfarrversammlung präsentiert.
Nun beginnt heute ein erster Predigtvortrag zum Thema: „Die Eröffnung der Heiligen Messe“.

Die heilige Messe hat 4 Teile:
  • Die Eröffnung
  • den Wortgottesdienst
  • die Eucharistiefeier
  • die Entlassung
Die Eröffnung besteht aus:
  1. Einzug
  2. Gesang
  3. Begrüßung der Gemeinde und Einführung
  4. Evtl. das allgemeine Schuldbekenntnis
  5. Das Kyrie
  6. Zu bestimmten Zeiten das Gloria
  7. Das Tagesgebet
Wenn die hl. Messe eine Feier ist, dann sollte das in allen Teilen deutlich werden, gerade auch zu Beginn.

1. „EINZUG“: Was ist damit gemeint?
In der Fragebogenaktion haben sich 80 von 221 Stimmen einen kleinen Einzug gewünscht.
Was ist mit „EINZUG“ gemeint?
Aus der Mitte der gottesdienstlichen Versammlung herauszutreten zum Dienst an dieser und für diese Versammlung (z.B. als Kantor/in, Lektor/in, Kommunionhelfer/in, Ministrant/in, Vorsteher usw.). Die liturgischen Bücher setzen 2 Dinge voraus:
  • Der Einzug erfolgt als „Prozession durch die Kirche“, und zwar im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. „Versammlung der Kirche“ ist ja der erste Grundvorgang christlicher Liturgie – die Gemeinde feiert die Liturgie. Deshalb gilt: Wer zum Dienst herantritt, kommt aus der Mitte dieser Versammlung!
  • Am Einzug nehmen nicht nur die Kleriker teil (z.B. Priester und Diakon), sondern auch alle jene, die „Laien“-Dienste ausüben. Im Messbuch (S.323) heißt es daher ausdrücklich: „Eröffnung – Die Gemeinde versammelt sich. Darauf tritt der Priester an den Altar. Er wird begleitet von denen, die bei der Messfeier einen besonderen Dienst an Altar oder Ambo versehen.“
Den so genannten „kleinen“ Einzug, wie er bei uns gang und gäbe ist (oft durch die Lage der Sakristei bedingt), kennen die liturgischen Bücher nicht. Er stellt eine verkümmerte Form dar, in der die eben genannten Aspekte überhaupt nicht erkennbar werden.
Wer von ihnen an gewöhnlichen Sonntagen im Fernsehen die Übertragung der hl. Messe gesehen hat, der weiß, dass in diesen Gottesdiensten immer ein großer feierlicher Einzug erfolgt. Also:

An der Prozession zum Einzug nehmen alle teil, die einen besonderen Dienst in dieser Eucharistiefeier ausüben. Der Gang zum Altar führt mitten durch die Gemeinde, aus der jene kommen, die ein besonderes Amt ausüben. Der Einzug wird von Musik begleitet, die den feierlichen Charakter unterstreichen soll.
Dann verneigen sich alle tief vor dem Altar (der ein Sinnbild für Christus ist) und gehen zu ihren Sitzen.
Die Gemeinde versammelt sich um den Altar (Christus) als ihre Mitte.
Der Priester küsst am Anfang der Messe den Altar. Die Messe ist nicht nur ein äußerer Ritus, sondern hat auch mit Intimität, mit Zärtlichkeit zu tun. Wir feiern ja das Gedächtnis der Liebe Christi, die in Tod und Auferstehung zur Vollendung kommt, und das wird schon am Anfang in der Geste des Altarkusses ausgedrückt.
Das Buch mit den Evangelien wird auf den Altar gestellt. Gott erscheint in seinem Wort. Besser ist es, wenn das Evangelienbuch einen eigenen Ort hat, an dem es sichtbar aufgestellt werden kann. Wenn Gott in seinem Wort gegenwärtig ist, dann sollte das Evangelienbuch nach der Lesung nicht einfach weggelegt werden, sondern einen Ort erhalten, der seiner Würde entspricht.

2. Nun folgt ein Gesang zur Eröffnung.

3. Dann begrüßt der Vorsteher (Bischof, Priester) die Gemeinde.
Jesus Christus ist der Gastgeber. Er versammelt uns zum Mahl der Liebe. Die Gegenwart dieser Liebe spricht uns der Priester zu Beginn des Gottesdienstes im liturgischen Gruß zu: «Die Gnade Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.» (vgl. 2 Kor 13,13)
Mit diesem Willkommensgruss wird uns gleich am Anfang das ganze Wohlwollen, die bedingungslose und schenkende Liebe Gottes zugesprochen. Diese Zuwendung Gottes, die uns gut tun möchte,  heißt Gnade und ist ein Geschenk. Gnade besagt: Ein Strom der Liebe fließt auf uns zu. «Schön, dass du da bist. Schön, dass es dich gibt. Ich habe Freude an dir.»
Jesus spricht uns also durch den Priester das Wohlwollen, Angenommen- und Willkommensein bei Gott zu. Mit der Antwort, und mit deinem Geiste, wünschen wir dieses Wohlwollen, diese Liebe, diese Gnade auch dem Priester.
Warum ist dieses Wohlwollen, dieses Angenommensein so wichtig?
Dieses Angenommensein ermöglicht uns, auch das Negative in uns zuzulassen und uns so zu zeigen, wie wir wirklich sind. Wir brauchen nichts mehr zu verstecken, dürfen wahr sein.

Nach der Begrüßung führt der Vorsteher in das Thema der Feier ein.

4. Nun folgt der Bußakt.
Die Messfeier ist die Begegnung mit Gott. Es ist sinnvoll, dass der Mensch sich auf diese Begegnung vorbereitet. Dazu soll der Bußakt eine Hilfe sein. Es gibt auch Messfeiern, in denen kein Bußakt vorkommt, weil die Menschen schon in anderer Weise vorbereitet sind auf die Begegnung mit Gott. Das Messbuch setzt voraus, dass es das Schuldbekenntnis nicht in jeder Messe geben muss.
Bußakt heißt: Ich komme im Bewusstsein meiner Höhen und Tiefen und weiß: Alles ist gut.

In all unserer Zerrissenheit, Zwiespältigkeit und Dunkelheit sind wir ganz angenommen. Wenn wir uns Ihm zuwenden, ganz so wie wir sind, werden wir mehr und mehr von Seiner Liebe und Gnade erfasst und als Folge davon gewandelt.
Dieses Zulassen und Annehmen fällt oft nicht leicht. Gegen vieles sträubt sich etwas in uns, weil es weh tut. Der schmerzenden Wirklichkeit ins Auge zu schauen ist aber die Voraussetzung für das Gewandelt-werden. Man kann sagen: Nur das, woran wir leiden und leiden dürfen, kann und wird sich wandeln.
Unsere Fehler, unsere Schuld und unser eigenes Versagen können uns niederdrücken. Wandlung kann sich einstellen,  wenn wir aufhören zu beschuldigen.
Dazu eine Geschichte von Anthony de Mello:
«Mein Leben ist ein Scherbenhaufen», sagte der Besucher. «Meine Seele ist mit Sünde befleckt. Gibt es noch Hoffnung für mich?» –
«Ja», sagte der Meister. «Es gibt etwas, wodurch alles Zerbrochene wieder verbunden und jeder Makel weggewischt wird.»
«Was?»
«Vergebung.»
«Wem vergebe ich?»
«Jedem: dem Leben, Gott, deinem Nächsten – vor allem dir selbst.»
«Wie geschieht das?»
«Durch Verstehen, dass niemand zu beschuldigen ist», sagte der Meister. «NIEMAND.»
(A. de Mello, Wo das Glück zu finden ist, Verlag Herder)
Wer immer – ob zu Recht oder nicht – Beschuldigungen aufrecht erhält, baut eine Mauer zwischen sich und den Betroffenen. Diese Mauer trennt. Trennen, sich absondern, meint Sünde. Dadurch kann die Liebe Gottes nicht fließen.
Ich habe diese Tage erfahren, dass ein Kind ein anderes Kind, das mit ihm vor Jahren zur Erstkommunion gegangen ist, vor den Mitschülern gemobbt hat: „Dein Vater ist seit Jahren arbeitslos – Du kommst aus einer Looser-Familie, Du bist ein Looser.“
Ist diese Anschuldigung nicht gemein? Der Job des Vaters wurde wegrationalisiert, und das Kind kann schon gar nichts dafür. So sollten Menschen nicht miteinander umgehen.
Hier kommt uns der Ritus der Eucharistiefeier zu Hilfe. Er lädt uns ein, ruhig zu werden, in uns hineinzusehen, um solche Mauern und Beschuldigungen zu entdecken. Es geht um Bewusstwerdung. Es geht ums Erkennen dessen, was in uns Wandlung verhindert.
Nicht beschuldigen, sondern zugeben und bekennen ist der Weg.
Nun dürfen wir die Last der Schuld Jesus übergeben. «Durch seine Wunden seid ihr geheilt.» (1 Petr 2,24c) sagt Petrus. Es ist einer da, der in Seinem Leiden auch all unsere Leiden getragen hat. Es ist einer da, der alles wandeln kann. Zu Ihm schauen wir auf. Ihm legen wir alles hin. Das geschieht im Kyrie-Ruf. Er gehört in jede Messfeier.

5. „Kyrie eleison“ heißt übersetzt: „Herr erbarme dich.“
Seinen Ursprung hat der Kyrie-Ruf im römischen Kaiserkult. Wenn der Kaiser in all seiner Macht und Hofpracht kam, rief das Volk: «Kyrie eleison.» Dies war ein demonstrativer Anerkennungsruf mit der Bitte um Hilfe und Erbarmen. Es war auch die Haltung, in der sich die Verehrer des Sonnengottes auf den Dächern der aufgehenden Sonne zuwandten. Sie erhoben ihre Hände zur Sonne und riefen: «Kyrie eleison.»
Die wahre Sonne jedoch, die über unserem Leben aufgeht, ist Jesus Christus. Er ist das Licht, das alles erhellt. Er ist die Liebe, die alles heilt. Er ist der Erlöser, der von allem Dunklen, Negativen und Bitteren befreit. Die Heil bringende Haltung ist der Aufblick zum Auferstandenen, durch den Gott die ganze Fülle seines Erbarmens schenkt.
Das Kyrie-Gebet ist also nicht etwas, das klein macht, im Gegenteil: Wir stehen aufrecht vor dem erhöhten Herrn und grüssen die Sonne unseres Lebens und der ganzen Schöpfung. Das Kyrie ist das Lob des Erbarmens Gottes, das in Jesus Christus auf uns zukommt und uns Hoffnung und Zukunft schenkt.
Kyrie und Gloria haben eine ähnliche Funktion: Beide sind Ausdruck des Lobpreises und der Huldigung Gottes und Christi.

6. Mit Ausnahme der Advents- und Fastenzeit wird das „Gloria in excelsis deo“ an allen Sonn- und Festtagen gebetet oder gesungen. Ehre sei Gott in der Höhe, heißt es in diesem Text, der eigentlich ein weihnachtlicher Hymnus aus dem frühen Christentum ist, in dem die Kirche in den Lobpreis der Engel einstimmt: Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, wir rühmen dich und danken dir, denn groß ist deine Herrlichkeit.

7. Der Vorsteher (Priester) lädt zum Gebet ein. Er singt oder spricht: Lasset uns beten.
Nach der Gebetseinladung folgt eine kurze Stille, damit die Gemeinde Zeit hat sich zu sammeln und still zu beten.
Dann wendet sich der Vorsteher (Priester) mit ausgebreiteten Händen im Tagesgebet an Gott als den Vater. Für jede hl.Messe haben die Messbücher ein eigenes Tagesgebet vorgesehen.
Die Gemeinde antwortet am Schluss mit „Amen“ und setzt sich, um auf Gottes Wort in den Lesungen zu hören.

Damit ist der erste Teil der hl.Messe, die Eröffnung, abgeschlossen.
Wie gesagt geht es darin um unsere Öffnung für die uns verwandelnde Liebe Gottes.

Ein paar kurze Worte noch zu den anderen Teilen der hl.Messe:
Auch im folgenden Wortgottesdienst geht es um unsere Wandlung: das Wort Gottes will uns treffen und verwandeln! Gott will mit seinem Wort in unseren Herzen wohnen und uns verwandeln.
Dann folgt die Eucharistiefeier, in der es um die Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi geht – wir empfangen Christus, wir werden zu Christus-Trägern und als solche gewandelt, neue Menschen.
Dann folgt die Entlassung, die mit dem Wort „Geht hin und bringt Frieden“ uns als Gewandelte in den Alltag entlässt, damit wir die Welt verwandeln.

Eine Schlussbemerkung: Wir feiern ein Fest, das Fest der Begegnung mit der uns wandelnden Liebe Gottes.
Deshalb sollte dieser Fest-Charakter in unseren Gottesdiensten deutlich werden. Deutlich werden sollte in der Liturgie, dass Christus gegenwärtig ist z.B. in der Gemeinde (Mt 18,20), im Wort des Evangeliums, im Sakrament der Eucharistie.

Einladung: Nach der Messe wird ein Gespräch über diesen Predigt-Vortrag und andere liturgische Themen im Pfarrsaal angeboten.
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